Autor: Lena Bogena; stud. paed.; Leibniz Universität Hannover

Dysarthrophonie

Terminologie

Das Wort „Dysarthrie“ lässt sich aus dem Griechischen ableiten: „dys“ kennzeichnet die Störung und „arthrein“ steht für die Bildung von Lauten (vgl. Schubert 2007, S. 11). Die vollständige Betrachtung der Begriffszusammensetzung besteht aus folgenden Teilen:

„dys-“     =Störung;
„athro-“    =Artikulation;
„pneumo-“    =Atmung;
„phonie-“    =Phonation.

Zusammengesetzt ergibt sich daraus die Bezeichnung „Dys-athro-pneumo-phonie“. Diese hat sich allerdings in der Literatur nicht durchsetzen können. Aus diesem Grund wird in den meisten Fällen vereinfacht von einer „Dysarthrie“ oder einer „Dysarthrophonie“ gesprochen, auch wenn alle drei Funktionskreise betroffen sind (vgl. ebd.). Zur Unterscheidung der Begrifflichkeiten in der Theorie und Praxis wird folgende Differenzierung vorgeschlagen:

 -Dysarthrie als Störung der Artikulation

-Dysarthrophonie als Störung //der Artikulation und Phonation/ Respiration//
(vgl. Giel 2009, S. 252).

In dem vorliegenden Beitrag wird aus Gründen des leichteren Verständnisses nur von Dysarthrien gesprochen.

 

Definition

„Dysarthrien sind neurologisch bedingte erworbene Störungen der am Sprechvorgang beteiligten motorischen Prozesse, insbesondere der Prozesse der Ausführung von Sprechbewegungen“ (Ziegler & Vogel 2010, S. 1).

Es handelt sich bei einer Dysarthrie um eine neurogene Störung, die nach einer Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems auftreten kann. Sprechstörungen, die beispielsweise nach einer Verletzung der Zunge, des Gaumens oder Kiefers als Folge einer operativen Tumorentfernung auftreten, zählen nicht zu den Dysarthrien. Weiterhin ist eine Dysarthrie eine erworbene Sprechstörung und von Störungen, die die Sprachentwicklung betreffen, abzugrenzen. Es handelt sich um eine sprechmotorische Störung, bei der keine Sprachverarbeitungsprozesse betroffen sind (vgl. Ziegler & Vogel 2010, S. 1). „Die zugrundeliegenden Pathomechanismen der Dysarthrien sind mit denen der elementaren körpermotorischen Störungen vergleichbar, also Parese, Ataxie, Akinese, Hyperkinese, Tremor etc.“ (Ziegler & Vogel 2010, S. 1).

Dysarthrien betreffen drei am Sprechen beteiligte Funktionssysteme: Atmung, Phonation (Stimmbildung) und Artikulation (Lautbildung). In der Regel ist ebenfalls die Satzmelodie (Prosodie) betroffen (vgl. Schubert 2007, S. 11). Der Begriff der Dysarthrie umfasst Störungen der Atemmuskulatur, der Kehlkopfmuskulatur und der supralaryngealen Muskulatur (vgl. Ziegler & Vogel 2010, S. 1).

Zum Sprechen sind die drei Funktionen Atmung, Phonation und Artikulation notwendig, die komplex zusammenwirken (vgl. Schubert 2007, S. 12; vgl. Vogel 1987, S. 25). Die Atmung gibt die nötige Atemluft für den Sprechakt und die Stimmbildung. Die Phonation wiederrum kann als Grundlage für die Kommunikationsfähigkeit gesehen werden. Des Weiteren werden bei der Artikulation durch Bewegungen der Sprechmuskulatur Laute geformt, die dem Zuhörer anschließend übermittelt werden (vgl. Schubert 2007, S. 12). Die Muskeln, die für die Ausführung dieser Funktionen von Bedeutung sind, unterliegen einer automatisierten Koordination bei der das Sprechen Sekundärfunktion übernimmt. Die Atemmuskulatur dient primär der Aufnahme von Sauerstoff und der Respiration. Die Kehlkopfmuskeln schützen die Atemwege und stabilisieren den Brustkorb. Die Muskeln des Mundraums sorgen für die Zerkleinerung der Nahrung und den anschließenden Weitertransporttransport des Bolus (Bissen fester Nahrung, der im Mund zerkleinert und für den Schluckvorgang und Weitertransport durch den Ösophagus vorbereitet wurde) (vgl.ebd.).

 

Praevalenz

Dysarthrien im Kindesalter

Allgemein betrachtet existiert zu Dysarthrien im Kindesalter sowohl im deutschen, als auch im englischen Sprachraum kaum fundierte Literatur (vgl. Giel 2007, S.284). Häufig findet daher eine Übertragung der kindlichen Dysarthrie auf den Erwachsenenbereich statt, die weder der kindlichen Sprechstörung noch der kommunikativen Umwelt des Kindes gerecht wird (vgl. ebd.).

Zu den Dysarthrien im Kindesalter werden alle zentralen Sprechstörungen, die zwischen 0 und 15 Jahren erworben werden, gezählt (vgl. Giel 2009, S. 253). Dysarthrien im Kindesalter müssen als ein Entwicklungsphänomen betrachtet werden, dass von vielen Faktoren abhängig ist, denn sie gehen häufig mit verschiedenen Auffälligkeiten in der Sprache, im Sprechen, der Nahrungsaufnahme und der Kommunikation einher (vgl. Giel 2007, S. 284).

Im deutschen Sprachraum stehen bei kindlichen Dysarthrien häufig Kommunikationsstörungen im Mittelpunkt, die beispielsweise aus cerebralen Bewegungsstörungen oder Mehrfachbeeinträchtigungen resultieren können. In den meisten Werken beziehen sich die Inhalte auf die Förderung und Therapie einer cerebralen Bewegungsstörung und weniger konkret auf eine Dysarthrie im Kindesalter (vgl. a.a.O., S. 285). „Eine ICF-orientierte Vorgehensweise zum Verständnis von Dysarthrien im Kindesalter, sowie zur Diagnostik und Therapieplanung erscheint insbesondere vor dem Hintergrund der kindlichen Entwicklung von großer Bedeutung“ (Giel 2009, S. 254). Weitere Erläuterungen zum ICF-Modell kindlicher Dysarthrien sind bei Giel 2007 (Seite 289-290) nachzulesen.

 

Symptome

Eine Dysarthrie tritt immer mit einer Reihe von Begleitstörungen auf (vgl. Schubert 2007, S. 21). Im Folgenden wird zwischen spezifischen Begleitstörungen im Kindes- und Erwachsenenalter differenziert.

Begleitstörungen bei Dysarthrien im Kindesalter

Im Kindesalter können cerebrale Bewegungsstörungen, abhängig von der Erscheinungsform, von Geburt an mit orofazialen, pharyngealen, laryngealen sowie ösopharyngealen Funktionsbeeinträchtigungen verbunden sein und somit die Nahrungsaufnahme stören (vgl. Giel 2009, S. 254).
„Aufgrund der motorischen und sensorischen Beeinträchtigungen des Gesamtkörpers und des orofazialen Komplexes kann es zu Störungen der sogenannten Primärfunktionen kommen“ (Giel 2007, S. 288). Es können das frühkindliche Saugen und der Schluckbewegungsablauf betroffen sein, sodass das Trinken und das Essen nicht dem Alter entsprechend vollzogen werden kann (vgl. ebd.). Darüber hinaus leiden betroffene Kinder, aufgrund der Bewegungsstörung, an einem eingeschränkten Spracherwerb (vgl. Giel 2009, S. 254). Häufig gehen kindliche Dysarthrien ebenfalls mit kognitiven, visuellen und auditiven Beeinträchtigungen einher (vgl. Giel 2007, S. 288).

Begleitstörungen bei Dysarthrien im Erwachsenenalter

Im Erwachsenenalter sind Begleitstörungen häufig in Form von neurologischen Leistungseinschränkungen zu beobachten. Sprechprobleme im Rahmen von degenerativen Erkrankungen stellen dabei eine Ausnahme dar, da bei diesen zu Beginn isolierte Einschränkungen des Sprechens zu beobachten sein können (vgl. Schubert 2007, S. 21).
Die folgende Tabelle veranschaulicht mögliche Begleitstörungen im Erwachsenenalter, die im motorisch/ sensorischen, im kognitiven und im pflegerischen Bereich auftreten können.

 

Ursachen

„Die Bedingungshintergründe für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Dysarthrien sind äußerst vielfältig“ (Giel 2009, S. 253). Dysarthrien können durch Schädigungen und Erkrankungen der für das Sprechen zuständigen Bereiche des Gehirns hervorgerufen werden. Neben spezifischen Ursachen für das Kindes- oder Erwachsenenalter gibt es ebenfalls altersunspezifische Bedingungsfaktoren für eine Dysarthrie (vgl. ebd.). Im Folgenden wird ein Überblick über Ursachenmöglichkeiten im Kindes- und Erwachsenenalter gegeben.

Bedingungsfaktoren bei Dysarthrien im Kindesalter

Dysarthrien, die im Kindesalter auftreten, können entweder angeboren oder erworben sein. Die cerebrale Bewegungsstörung (infantile Cerebralparese: Störung der Haltung und Bewegung) gehört zu den häufigsten angeborenen Ursachen einer Dysarthrie im Kindesalter. Ebenfalls zählen genetische Syndrome oder Sequenzen, Aplasien (Nichtausbildung) von Hirnnervenkernen oder Heredo Ataxien (Bewegungsstörungen) zu den angeborenen Dysarthrien (vgl. Giel 2009, S. 253).
„Zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung können bei Kindern Dysarthrien/ Dysarthrophonien erworben werden (Schädel-Hirn-Traumata, Tumore, Schlaganfälle, Viruserkrankungen etc.)“ (Giel 2009, S. 253). Frühkindliche Hirnschädigungen können durch Hypoxien, bakterielle und virale Infektionen und arterielle und venöse Verschlüsse hervorgerufen werden (vgl. ebd., S. 254). Bei Syndromerkrankungen, wie dem Down-Syndrom, spricht man von zentralen Entwicklungsdysarthrien (vgl. Giel 2007, S. 286).

Bedingungsfaktoren bei Dysarthrien im Erwachsenenalter

Die Ursachen von Dysarthrien im Erwachsenenalter sind Schädigungen des zentralen oder des peripheren Nervensystems. Dabei ist bedeutend, welche Grunderkrankung für die Schädigung leitend ist (vgl. Ziegler et al. 2002, S.3). „Zu den verursachenden Erkrankungen im Erwachsenenalter zählen einerseits einmalige Ereignisse wie cerebrovaskuläre Erkrankungen, Schädel-Hirn-Traumata, andererseits progrediente und degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose“ (Giel 2009, S. 254). Der Schlaganfall (cerebrovaskuläre Erkrankung) ist die häufigste Ursache für dysarthrische Erkrankungen. Dieser wird durch eine Ischämie (Mangeldurchblutung durch Arterienverschluss) oder ein Insult (Hirnblutung) ausgelöst (vgl. Schubert 2007, S. 18).

In der Hauptursache sind dysarthrische Symptome an Läsionen folgender Strukturen geknüpft:

Die Art, der Ort und die Größe der Hirnschädigung bedingen zusätzliche neurologische und neurophysiologische Defizite, die mit einer Sprechstörung assoziiert sind (vgl. Ziegler et al. 2002, S. 5).

 

Klassifikationsmöglichkeiten

Für die Einteilung von Dysarthrien gibt es eine Reihe von Klassifikationsmöglichkeiten. Da sich kindliche Entwicklungsdysarthrien oder -anarthrien im Laufe der Entwicklung verändern, in den meisten Fällen unterschiedliche Formen annehmen und darüber hinaus auf diesem Gebiet noch erheblicher Forschungsbedarf besteht, bezieht sich die folgende Klassifikation schwerpunktmäßig auf Dysarthrien im Erwachsenenalter (vgl. Giel 2007, S. 286).

Klassifikationsmöglichkeiten von Dysarthrien im Kindesalter

Im anglo-amerikanischen Sprachraum werden kindliche Dysarthrien nach ihrem Erwerbszeitpunkt unterschieden. Hierzu erfolgt eine grobe Differenzierung zwischen angeborenen (congenital) und erworbenen (acquired) Dysarthrien. Eine Klassifikation kindlicher Dysarthrien kann ebenfalls nach der zugrundeliegenden Ursache vorgenommen werden. Es wird zwischen vaskulär, infektiös, traumatisch, toxisch, metabolisch, neoplastisch, degenerativ und idiopathisch unterschieden. Da jedoch keine Aussagen über das Erscheinungsbild der Dysarthrie getroffen werden können, ist diese Einteilung im Hinblick auf Therapiemaßnahmen nicht aussagekräftig (vgl. Giel 2007, S. 286f.). Nach aktuellem Erkenntnisstand werden cerebrale Bewegungsstörungen, die durch prä-, peri- oder postnatale Hirnschädigungen verursacht wurden, in drei Erscheinungsformen unterschieden: hyperton, dyskinestisch und ataktisch (vgl. Giel 2009, S. 254). Bei vielen Autoren (z.B. Caruso & Strand 1991; Love 1992) findet man Klassifikationsformen in Anlehnung an Dysarthrien im Erwachsenenalter.

Klassifikationsmöglichkeiten von Dysarthrien im Erwachsenenalter

Dysarthrien im Erwachsenenalter kann man beispielsweise nach der zugrundeliegenden Ursache bzw. Grunderkrankung, nach dem Läsionsort im Gehirn oder der zugrundeliegenden Bewegungsstörung klassifizieren (vgl. Giel 2009, S. 255). Die im Folgenden vorgestellte Klassifikation orientiert sich an dem Erscheinungsbild der Bewegungsstörung (hypoton, hyperton, rigid-hypokinetisch, ataktisch, dyskinetisch) (vgl. Schubert 2007, S. 22ff.).


Eine ausführliche Klassifikation, geordnet nach den verschiedenen Erscheinungsformen einer Dysarthrie, ist bei Giel 2009 zu entnehmen.

 

Literatur

Giel, B. (2007). Dysarthrie/ Dysarthrophonie im Kindesalter: Entwicklungsdysarthrie. In H. Schöler & A. Welling (Hrsg.), Sonderpädagogik der Sprache (S. 284-292). Göttingen: Hogrefe.

Giel, B. (2009). Dysarthrie/ Dysathrophonie. In M. Grohnfeldt (Hrsg.), Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Erscheinungsformen und Störungsbilder (S. 270-290). Stuttgart: Kohlhammer.

Schubert, A. (2007). Dysarthrie: Diagnostik - Therapie - Beratung. Idstein: Schulz-Kirchner.

Storch, G. (2002). Phonetik des Deutschen. Stockach: Günther Storch Verlag.

Vogel, M. (1987). Einführung in die phonetische Beschreibung der Dysarthrophonien. In L. Springer & G. Kattenbeck (Hrsg.), Aktuelle Beiträge zur Dysarthrophonie und Dysprosodie (S. 25-58). München: tuduv.

Ziegler, W. & Vogel, M. (2010). Dysarthrie verstehen - untersuchen - behandeln. Stuttgart: Thieme.

Ziegler, W., Vogel, M., Gröne, B. & Schröter-Morasch, H. (2002). Dysarthrie. Grundlagen - Diagnostik - Therapie. In L. Springer & D. Schrey-Dern. Dysarthrie. Grundlagen – Diagnostik – Therapie. Stuttgart: Thieme.