Enwicklungsproximale Sprachtherapie

Allgemeines zur Entwicklungsproximalen Sprachtherapie

„ Abfolge möglichst natürlicher Interaktionen, in denen das Kind in gemeinsamen motivierenden Aktivitäten mit einer responsiven und kooperativen Person (...) seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Kommunikation entfalten kann. Unter Berücksichtigung individueller Neigungen und Bedürfnisse (...) werden Erfahrungsstrukturen aufgebaut, die als Bedeutungsgrundlage der Kommunikation dienen. Eng auf diese Zusammenhänge bezogen (...) erfolgt die Vermittlung entwicklungsangemessener Sprachformen. “

Kinder müssen sprachliche Prinzipien aus dem sprachlichen Input der Umwelt mit Hilfe eigenständiger, interner Erwerbsmechanismen nach und nach extrahieren diese sind bei SSES-Kindern gestört
Problem: sie können nicht direkt sprachtherapeutisch behandelt werden und sprachliches Wissen kann nicht „implantiert“ werden
→    aber: Rahmenbedingungen des Lerngeschehens können optimiert werden
→    so ist trotz beeinträchtigter Erwerbsmechanismen grammatischer Fortschritt möglich

 

Prinzipien der Entwicklungsproximalität

Konvergenzprinzip:
Sinnvolles Abstimmen von Thema, Handlungskontext,  Interaktionsformen und Strukturvermittlung auf Vermittlung einer Struktur  

Prinzip der minimalen Druckanwendung:
keine Einschränkung oder Reglementierung des Ausdrucks, ausreichend: Übernahme der Zielstruktur in das unfertige Sprachsystem

Multiperformanzprinzip:
zunächst Arbeit an der rezeptiven Dimension der Sprachverarbeitung (Verständnis) → spontane Imitation → spontane Produktion

Gegenüberstellung zu Satzmusterübungen

- pattern-drill: Aufbau einer künstlichen Übungssprache („Bilingualismus“)
- führt nicht zu produktiven Regeln, sondern zu rahmenhaften, leeren Satzmustern
- verursacht u.U. stotterartige Unflüssigkeiten

 

Durchführung der entwicklungsproximalen Sprachtherapie

Gestaltung der Beziehungsbasis

- Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung essenziell: Sprachtherapie intimer Prozess
- partnerschaftliches, verständnisvolles Eingehen auf Bedürfnisse des Kindes
- Therapeut als „sprachliches Modell“: sollte für das Kind attraktiv und nachahmenswert sein (Kind repräsentiert Modellvorgaben innerlich und leitet daraus produktive Regeln ab)
- Informationen einholen: Interessen, soziale Erfahrungen, Ängste (eventuell ergänzend Bezugsperson befragen) → Kenntnis ist Vorrausetzung für individuelle Förderung
- Therapeut sollte auf kindliche Initiativen eingehen

 

Etablierung von Interaktionsstrukturen

- stehen in engem Zusammenhang zur Gestaltung der Beziehungsbasis
- ermöglichen konstruktives und kooperatives Handeln der Beteiligten
- bahnt verbessertes turn-taking durch kommunikative „Ich-Du-Rhythmik“ an
- Ziele: Begrenzung eines Handlungsrahmen, in dem gemeinsames und geordnetes Tun möglich ist (schafft grundlegende Transportsysteme)
- Entwerfen einiger prototypischer Spiel- und Handlungskontexte künftiger Therapiesituationen

 

Erfassung der sprachlichen Voraussetzungen

- Diagnostik durch Spontansprachanalyse (Coprof bzw. Profilanalyse): Vergleich der individuellen grammatischen Entwicklung mit normalem Spracherwerb
- spezifische Stagnationen und/oder Retardierungen herausarbeiten
- auf Anzeichen von Fortschritten achten, die unterstützt werden können eventuell ergänzend informelle Überprüfung von Strukturen, deren Erwerbgrad fraglich ist

 

Bestimmung der Therapieziele

- Herzstück der entwicklungsproximalen Sprachtherapie: Bestimmen der Strukturen, die in der Zone der nächsten Entwicklung liegen
- Herausarbeiten der fundamentalen Ansatzpunkte, welche den Grammatikerwerb wesentlich voranbringen können
- übergeordnetes Ziel: Verständlichkeit, Ausdrucksrepertoire und Spontanität fördern
→ zunächst am größten Hindernis für effektive Kommunikation arbeiten

- am Ende des Entscheidungsprozesses: präzise Formulierung des Prinzips oder der spezifischen Form, das/die als nächstes gelernt werden soll

- sprachliche Lernprozesse wirken systemisch → Folgeeffekte möglich

- deshalb: keine starren, langfristigen Therapiepläne entwerfen (höchstens drei Ziele festlegen)

 
Vorstrukturierung der Situation

- individuelle Voraussetzungen, Bedürfnisse und Interessen des Kindes beachten
 - sachlogischen Zusammenhang zwecks zwangsläufiger Evozierung der gewünschten Struktur berücksichtigen
- kein Patentrezept vorhanden: offene Angebote liefern, auf kindliche Initiativen ein-gehen und Situationsstrukturierungen nicht aufzwingen

 

Modellsprache und Modellingtechniken

Die angebotenen Sprachinhalte sollen so aufbereitet werden, dass es dem Kind möglichst leicht gemacht wird, die korrekte Zielstruktur herauszufiltern und nach und nach richtig anzuwenden.
Dazu werden die verschiedenen Modellingtechniken möglichst
-    hochfrequent
-    variiert
-    geplant und optimiert eingesetzt.

Den kindlichen Äußerungen vorausgehende Sprachmodelle

 Präsentation:
Situations- und rollentypische Sprechweisen werden demonstriert, um die Zielformen gehäuft einzuführen. Das Kind beobachtet; später kann es eine Rolle übernehmen.

Parallelsprechen:
Kindliche Vorhaben und Wünsche werden sprachlich umgesetzt. Das Kind erfasst sprachliche Zielformen im Bezug zu seiner aktuellen Bedürfnislage.

Linguistische Markierungen:
Situationsmerkmale, auf die das Kind gerade achtet, werden versprachlicht, um die Zielstruktur in den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu rücken.

FA-Fragen (forced alternative):
Zwei Modelle einer Struktur werden dem Kind zur Beantwortung angeboten. Antwortet das Kind elliptisch, kann eine Expansion erfolgen.


Den kindlichen Äußerungen nachfolgende Sprachmodelle

Expansion:
Kindliche Äußerungen werden unter Einbau der Zielstruktur vervollständigt

Umformung:
Kindliche Äußerungen werden in veränderter Form wiedergegeben, wobei die Zielstruktur eingeführt oder variiert wird.

korrektives Feedback:
Kindliche Äußerungen mit fehlerhafter Zielstruktur werden berichtigt wiedergegeben.
Modellierte Selbstkorrektur:
Fehler des Kindes bei der Zielstruktur werden von der Therapeutin übernommen und sofort bei sich selbst korrigiert.

 Extension:
Es wird semantisch an die kindliche Äußerung angeknüpft und diese unter Verwendung der Zielstruktur logisch weitergeführt.

 

Dialogische Sicherung

Ziel: Stabilisierung der Zielform im Dialog (Hin- und Herwerfen der Zielstruktur zwischen Kind und Therapeut), Zurücknahme des Modellierens

Weg: strukturtypische Sprecherrollen bieten Anreiz zur zeitversetzten Imitation

 

Wirksamkeit

- Kasuistische Hinweise: oftmals wird Zielform erreicht und dabei werden noch Folgeeffekte ausgelöst
- allerdings: unklar, welche Komponente(n) der entwicklungsproximalen Therapie wirksam ist (zu komplex)
- Grenzen der Wirksamkeit: kindliche Verarbeitungsprobleme lassen sich nicht umgehen und nur bis zum gewissen Grad zu beschleunigen (anfangs sehr langsam, dann immer schneller- „Lernkurve“).
- kindliche Voraussetzungen: muss Modellsprache verstehen können, dialogfähig sein und darf in nichtsprachlicher Entwicklung nicht allzu sehr zurück sein


Pro / Contra: Entwicklungsproximale Therapie / Satzmusterübungen

Contra: Satzmusterübungen

→ Pro: Entwicklungsproximale Therapie

→ Satzmusterübungen:

  - Schwachstelle - Einbau in die Spontansprache

  - können kaum den individuellen, spontanen Sprachfertigkeiten des Kindes entsprechen

  - Vielzahl grammatischer Aspekte müssen gleichzeitig beachtet werden

  - relevante Merkmale können in gleichbleibenden Schema nicht kontrastiert werden → relevante morphologische Merkmale werden nicht wahrgenommen

  - einseitig, produktionsorientierte Therapie, trotz rezeptiven Defizits als häufige Ursache

  - Rahmenbildung statt Aufbau produktiver Regeln

  - besonders bedenklich bei Kindern mit wenig variabler Sprache → führt zu verarmtem Sprachmilieu

  - Satzmuster zerfallen, wenn sie nicht ständig wiederholt werden

  - Satzmusterübung entspricht nicht kognitiven Mechanismen des natürlichen Spracherwerbs → Fremdsprachunterricht ohne Satzmuster stattdessen mit variablen Konversationsformen

  - Im angelsächsischen Sprachraum haben sich Satzmusterübungen nicht entwickelt

  -Satzmuster im ZNS anders repräsentiert (bilateral) als konstruktive Sprache (sprachdominante Hemisphäre)

  - Methode wird schnell als langweilig vom Kind empfunden

  - erschweren Isolierung der Therapieziele, rezeptive Verarbeitung, Hervorhebung, Kontraste


Contra: Entwicklungsproximale Therapie
→ Pro: Satzmusterübungen

→ Entwicklungsproximale Therapie:

 - keine übertragbare Methode → kein operationalisiertes Verfahren → keine einfachen Lösungen, Schemata, Rezepte

 - Therapeut muss: sachkompetent, einfallsreich, kritisch reflektierend, über differenziertes Wahrnehmungsvermögen verfügen

- Therapeut muss sich ständig neues detailliertes Bild vom Entwicklungsstand und -tendenzen machen, hemmende Faktoren des Kindes erkennen → ständig auf neue Gegebenheiten einstellen

- ständige Kontrolle, Revision der Therapie notwendig → Therapiestunden aufzeichnen (Tagebuch führen) und auswerten

- wiederholte Analysen von Spontansprachproben, Imitation, Verständnis und eigene Reflexion des Kindes

→ Pro: Satzmusterübungen

- Satzmusterübungen: einfach handhabbar, jederzeit einsetzbar, geringer Aufwand, gut kontrollierbare Methode, relativ wenig Kooperation des Kindes notwendig

Fazit: Entwicklungsproximale Therapie ist zwar (zeit-) aufwendiger, aber effektiver als Satzmusterübungen.


Literatur
 
Dannenbauer, F. (1991): Vom Unsinn der Satzmusterübungen in der Dysgrammatismustherapie. Die Sprachheilarbeit, 36 (5), 202-209.

Dannenbauer, F. (1994): Grundlinien entwicklungsproximaler Intervention. Der Sprachheilpädagoge,3,1-23.

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Dannenbauer, F. und Kotten-Sederqvist, A. (1990): Sebastian lern Subj+Mod+XY+V(inf): Bericht von einer entwicklungsproximalen Sprachtherapie mit einem dysgrammatisch sprechenden Kind. Vierteljahreszeitschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 1, 27-45.

Dannenbauer, F. und Künzing, A. (1991): Aspekte der entwicklungsproximalen Sprachtherapie und des Therapeutenverhaltens bei entwicklungsdysphasischen Kindern. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie. Band 4: Störungen der Grammatik. 167-190. Berlin: Marhold.

Haffner, U. (1995): „Gut reden kann ich“. Das Entwicklungsproximale Konzept in der Praxis- eine Falldarstellung. Dortmund: Verlag modernes lernen.

Kerner, U. (2003): Entwicklungsproximale Sprachtherapie als persönliche Erfahrung. Teil 2. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.) Spezifische Sprachentwicklungsstörungen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Dr. F. M. Dannenbauer. 87-97. Würzburg: Edition von Freisleben.

Künzig, A. (2003): Entwicklungsproximale Sprachtherapie als persönliche Erfahrung. Teil 1. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.) Spezifische Sprachentwicklungsstörungen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Dr. F. M. Dannenbauer. 77 - 86. Würzburg: Edition von Freisleben.

Trossbach-Neuner, E. (2003): Entwicklungsproximale Sprachtherapie in der Schule. Geht das? In: M. Grohnfeldt (Hrsg.) Spezifische Sprachentwicklungsstörungen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Dr. F. M. Dannenbauer. 54-76. Würzburg: Edition von Freisleben.