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Der Vorbereitungsdienst am Studienseminar für das Lehramt für Sonderpädagogik

Der Vorbereitungsdienst am Studienseminar für das Lehramt für Sonderpädagogik in Niedersachsen – Perspektiven für die 2. Ausbildungsphase zukünftiger Förderschullehrerinnen und Förderschullehrer mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Sprache

 

Bericht und Kommentar von Ulrich Stitzinger, Fachseminarleiter am STS-SoPäd Hannover, ehemaliger Referent für Fortbildungen dgs-Niederachsen

 


1. Aktuelle Ausgangslage

In der 18-monatigen zweiten Phase der Lehrerausbildung in Niedersachsen kann am Studienseminar für das Lehramt für Sonderpädagogik zurzeit noch auf der Basis der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für Sonderpädagogik (zukünftig Master of Education) eine von fünf Fachrichtungen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Sprache, Lernen, Geistige Entwicklung, Emotionale und Soziale Entwicklung oder Körperliche und Motorische Entwicklung gewählt werden. Alle fünf Fachrichtungen werden an den vier niedersächsischen Studienseminaren für das Lehramt für Sonderpädagogik in Hannover, Lüneburg, Osnabrück und Wolfenbüttel abgedeckt.

Die Berechtigung zur Einstellung in den Schuldienst wird mit dem Zweiten Staatsexamen erworben und umfasst die Ausbildungsnote, sowie die schriftliche Hausarbeit, den Prüfungsunterricht in der sonderpädagogischen Fachrichtung, den Prüfungsunterricht in der Fachdidaktik und die mündliche Prüfung. Die Grundlage dazu liefert die derzeit noch gültige PVO-Lehr II mit den entsprechenden Durchführungsbestimmungen. Eine Novellierung der Prüfungsordnung wird im Zuge der veränderten Studienstruktur demnächst erfolgen. Dabei wird die Seminarstruktur mit dem allgemein sonderpädagogischen und dem fachrichtungs-spezifischen Seminar sowie den beiden fachdidaktischen Seminaren erhalten bleiben. Eventuell werden die fachdidaktischen Anteile zugunsten einer stärkeren Gewichtung der Fachrichtung bzw. einer zweiten Fachrichtung reduziert. Eine Modularisierung wie analog zum neuen Bachelor- und Master-Studium wird nicht angestrebt. Möglicherweise sollen aber sonderpädagogische Basiskompetenzen in modulähnlichen Grundlagenveranstaltungen erworben werden. Die schriftliche Hausarbeit soll mit einer kürzeren schriftlichen Arbeit aus einem schulischen Bereich ersetzt werden. Die zurzeit bestehenden Einstellungstermine zum 01.05. und 01.11. des Jahres werden künftig in der Planung der neuen PVO-Lehr II auf die Termine 01.02. bzw. 01.08. gelegt.

 


2. Rahmenstrukturen

Während des Vorbereitungsdienstes finden regelmäßige Seminarveranstaltungen in einem pädagogischen Seminar (14-täglich 4-stündig), in einem Seminar der gewählten sonder-pädagogischen Fachrichtung und zwei fachdidaktischen Seminaren von zwei Unterrichts-fächern (jeweils monatlich 4-stündig) statt. Zusätzlich sind allgemeine Veranstaltungen des Studienseminars zu besuchen. Außerdem erteilen die Anwärterinnen und Anwärter durchschnittlich 12 Stunden Unterricht an einer Ausbildungsschule bei ständiger oder gelegentlicher Betreuung von Fachlehrerinnen und Fachlehrern einschließlich Hospitationen wie auch mit bestimmten Stundenanteilen in eigener Verantwortung. Der Unterricht soll in den beiden Fächern der Fachdidaktik erteilt werden. In einem der Unterrichtsfächer sind explizit fachrichtungsrelevante Kompetenzen zu entwickeln und als Prüfungsleistung nachzuweisen.

 


3. Ausbildungsstandards

Im Vorbereitungsdienst sind die im Studium erworbenen theoretischen Kenntnisse mit praktischen Erfahrungen sinnvoll miteinander zu verbinden und weiterzuentwickeln. Auf der Grundlage der Empfehlungen der Kultusministerkonferenz der Länder werden die Standards für die Lehrerbildung (KMK 2004) in den Kompetenzbereichen Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren auch in der sonderpädagogischen Fachrichtung Sprache umgesetzt.

Im Kompetenzbereich Unterrichten werden als Basis jedes sprachpädagogischen Handelns Kriterien des spezifisch sprachfördernden und therapieimmanenten Unterrichts entwickelt. Neben grundsätzlichen Aspekten wie das Schaffen kommunikativer Situationen und das Anbieten modellhafter sprachlicher Strukturen werden Kompetenzen für die spezifische Zielsetzung in der Unterrichtsplanung und -durchführung im Förderschwerpunkt Sprache erworben. Im Wesentlichen verfolgt die Kompetenzentwicklung eine reflektierte Theorie-Praxis-Verknüpfung und die Erarbeitung von Fördermöglichkeiten im ganzheitlich-integrierten und spezifischen Ansatz auf verschiedenen sprachlichen und kommunikativen Ebenen in der Sprachproduktion bzw. –verarbeitung sowie in der Metasprache. Mit Schwerpunktsetzungen im Hinblick auf unterschiedliche unterrichtliche Situationen an den Ausbildungsschulen werden spezifisch sprachfördernde Maßnahmen entwickelt, die wirksam in die Unterrichtsfächer der Primarstufe sowie der Sekundarstufe I integriert werden können.

Der Kompetenzbereich Erziehen zielt auf die Analyse der Hintergrundproblematik bei sprachlichen Beeinträchtigungen sowie Mehrsprachigkeit und Migration. Dabei fungiert die Sprache als entscheidendes Mittel zur Kommunikation und Interaktion. Außerdem werden Zusammenhänge von sprachlichen Beeinträchtigungen mit anderen Förderschwerpunkten, z. B. Lernen und kognitive Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung, auditive Verarbeitung bzw. Wahrnehmung und visuelle Wahrnehmung hergestellt. Hier ist eine Kooperation mit Fachrichtungsseminaren, Förderzentren und Landesbildungszentren sinnvoll.

Im Kompetenzbereich Beurteilen sind Sprachstandsbeobachtungen und Ermittlungen der Förderbedürfnisse in der Lerngruppe von Bedeutung wie auch die gezielte Förderplanung im Schwerpunkt Sprache für eine Schülerin/einen Schüler. Im Weiteren wird der Kompetenz-erwerb auf das Überprüfungsverfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Bereich Sprache in der Gesamtheit sowie auf ausgewählte diagnostische Verfahren mit Bezug zu den verschiedenen Sprachebenen im Speziellen gerichtet.

Der Kompetenzbereich Innovieren bezieht sich auf Beratung, Interaktion und Kommunikation in der Schule und in der Elternarbeit, auf das Unterrichten und Fördern im Team sowie auf die Zusammenarbeit mit Schulen und außerschulischen Institutionen im Schwerpunkt Sprache. Dabei sind Möglichkeiten des Mobilen Dienstes Sprache und Integrationskonzepte besonders zu verfolgen. Ebenso sind Konzepte zur spezifischen Sprachförderung an außerschulischen Lernorten weiterzuentwickeln. Zudem müssen wirksame Formen der Evaluation des sprachpädagogischen Handelns erprobt und aktuelle Forschungsergebnisse mit Bezug auf die individuelle Unterrichtspraxis überprüft werden.

 


4. Anforderungen der Therapie-Praxis-Verknüpfung

Um den komplexen Anforderungen des Berufsbildes einer Förderschullehrkraft mit dem Schwerpunkt Sprache gerecht werden zu können, müssen fundierte Fachkenntnisse aus den Bereichen der Sprach- und Kommunikationswissenschaft, der medizinischen Sprach- und Sprechpathologie sowie der Didaktik und Methodik des Unterrichts in der 2. Phase der Lehrerausbildung praxisorientiert vertieft und weiterentwickelt werden. Zur professionellen Handlungsfähigkeit in einer vielschichtig herausfordernden Praxis muss die Vernetzung von Theorie und Praxis konzeptionell umfassend hergestellt werden. Dies bedarf von Anfang an einer kontinuierlichen, prozesshaften und individuellen Begleitung und Entwicklung von Kompetenzen der Anwärterinnen und Anwärter in der Fachrichtung Sprache. Dabei wird eine Qualitätssicherung durch klare Zielsetzungen und Evaluation der Lehr- und Lernprozesse erreicht.

Außerdem sind institutionelle Bedingungen und Strukturen in Kooperationskonzepten zu schaffen, die Verbindungen zwischen der 1. und der 2. Ausbildungsphase ermöglichen. So erfährt die Verbindung des wissenschaftsbezogenen Studiums mit der praxisrelevanten Vertiefung und Überprüfung im Vorbereitungsdienst grundlegende Berechtigung. Die Überlegung, den Vorbereitungsdienst zu reduzieren oder etwa in der Form einer lediglich beamtenrechtlichen Bewährungsphase untergehen zu lassen, entspricht nicht den Vor-stellungen einer qualifizierten theorie- und praxisverknüpften Ausbildung. Nur durch den Bestand einer zweiten Ausbildungsphase in einem Zeitumfang von mindestens 18 Monaten im Anschluss an das universitäre Studium, können die notwendigen Kompetenzen des sonderpädagogischen Handelns mit Blick auf die individuelle Berücksichtigung sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen und die spezifische Förderung innerhalb des Unterrichts qualifiziert erworben werden.

Dabei trägt das duale System im Vorbereitungsdienst, nämlich die Kombination von Seminarveranstaltungen und Ausbildungsunterricht, zu einem fachspezifisch erforderlichen Kompetenzaufbau bei. Allerdings muss die problematische Doppelrolle als Lernender und zugleich Lehrender sensibel verarbeitet werden. Hauptsächlich wird diese Doppelrolle im Vorbereitungsdienst belastend empfunden und fordert ein hohes Maß an professioneller und persönlicher Identität und Sicherheit. Gerade auch der Übergang vom Studium in den Vorbereitungsdienst wird oft als Bruch in der beruflichen Biographie erlebt, da Bezüge zu den erworbenen Kenntnissen nicht in der direkten und einfachen Übertragung hergestellt werden können. Die Ausbildung spezifisch sprachpädagogischer Handlungskompetenz kann nicht rezeptorientiert im Sinne einer Meisterlehre oder eines Trainee-Programmes erfolgen. Die Auszubildenden sehen sich in einem Spannungsfeld zwischen persönlichen Kompetenzen und Entwicklungsnotwendigkeiten, zwischen Lehrtätigkeit und eigenen Lernprozessen, zwischen beurteilen und beurteilt werden, zwischen Selbstbestimmtheit und Abhängigkeit. Hinzu kommt häufig der eigene hohe professionelle Anspruch mit manchen Enttäuschungen im Hinblick auf die Unsicherheit der Umsetzung sprachwissenschaftlicher und kommunikationstheoretischer Positionen oder das Problem der Idealisierung unterrichtlicher Möglichkeiten. Vor allem wenn die Ansprüche eines spezifisch sprach-fördernden und therapieimmanenten Unterrichts den Bezug zum professionellen Alltag verlieren und ausschließlich Laborbedingungen kreiert werden, dienen diese nicht mehr der Entwicklung professioneller Handlungsfähigkeit im Förderschwerpunkt Sprache.

Weiterhin muss die konsequente Modularisierung der gesamten Lehrerausbildung auch in der zweiten Phase kritisch geprüft werden. Kompetenzen im komplexen Handlungsfeld eines Förderschwerpunktes lassen sich nicht allein in der Summe von Teilbereichen erschließen und aufbauen, sondern benötigen zusätzlich verbindende und konstant begleitende Strukturen. Überlegenswert sind im Vorbereitungsdienst kombinierte Modelle mit einer kontinuierlichen Seminararbeit und übergreifenden Modulen zu einzelnen Kompetenz-bereichen. In diesem Zusammenhang ist sicherzustellen, dass feste Bestandteile der inklusiven und präventiven sonderpädagogischen Aufgabenbereiche im Ausbildungs-curriculum enthalten sind.

 

Weitere Informationen sind auf der Homepage des Studienseminars Hannover für das Lehramt für Sonderpädagogik zu finden (www.nibis.ni.schule.de/~as-h2/)

 

 

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